Am Hang
Im Roman Am Hang von Markus Werner kommen zwei Männer scheinbar zufällig ins Gespräch. Zwei Männer, die sich nicht kennen und doch vielleicht miteinander verbunden sind: beide hatten, so wie es sich darstellt, je eine Beziehung zu einer Frau, die bei beiden zurselben Zeit am selben Ort zu tun hatte. Die eine war mit Loos verheiratet, und sie verliess ihn damals, die andere hatte eine aussereheliche Beziehung zu Clarin und wurde von ihm verlassen.
Jens Wachholz und Andreas Berger, die schon in der Saison 2022/23 Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner und 2023/24 Das Leben ist gut von Alex Capus gestalteten, gestalteten diese spannenden Roman. Die Einrichtung der Lesefassung besorgte wieder Andreas Berger.
«Alles dreht sich. Und alles dreht sich um ihn. Verrückterweise bin ich sogar versucht mir einzubilden, er schleiche in diesem Augenblick ums Haus – mit oder ohne Dolch. Dabei ist er ja abgereist, heißt es, und ich höre nur Grillen und aus der Ferne nächtliches Hundegebell. Da fährt man über Pfingsten ins Tessin, um sich in Ruhe zu vertiefen in die Geschichte des Scheidungsrechts, und dann kommt einem dieser Unbekannte in die Quere, dieser Loos, und bringt es fertig, mich so aufzuwühlen, dass alle Sammlung hin ist.»
Der Roman «Am Hang» erzählt die Geschichte einer zufälligen Begegnung zwischen zwei ungleichen Männern im Hotel Bellavista im Tessin. Der junge, rational denkende Scheidungsanwalt Clarin trifft auf den älteren, melancholischen Loos, der seine Frau verloren hat und das Leben eher emotional betrachtet. In ihren Gesprächen über Liebe, Treue und Verlust entspinnt sich ein spannendes Wechselspiel der Weltanschauungen. Clarin steht für eine moderne, unbeschwerte Sicht auf Beziehungen, während Loos von der Vorstellung einer bedingungslosen, ewigen Liebe geprägt ist.
Nach und nach enthüllt sich eine düstere Wahrheit über Loos’ Vergangenheit, die das Verständnis von Liebe und Schuld in Frage stellt. Die Gespräche zwischen den beiden Männern nehmen eine zunehmend beklemmende Dynamik an, in der sich Wahrheit und Interpretation vermischen.
«Loos blieb stehen und atmete schwer. Seit ich allein bin, rauche ich wieder, das rächt sich, sagte er. Fünf Jahre lang habe ich nicht mehr geraucht, obwohl mich meine Frau, sie selbst war Nichtraucherin, niemals dazu gedrängt hat aufzuhören. Es war eine fettleibige Dame, die mich von meiner Sucht befreit hat. – Eine Handauflegerin ? – Nein, keine Handauflegerin, sondern eine Person, die mir in einem Cafe gegenübersaß und diverse Süßspeisen verzehrte, hastig und mit geradezu schamloser Gier. Ich empfand Ekel. Wie kann man so haltlos und willensschwach sein, fragte ich mich, zündete mir eine Zigarette an und merkte, dass ich sie gierig rauchte.»
Markus Werner
Markus Werner wurde 1944 in Eschlikon, Schweiz, geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie und Psychologie in Zürich und arbeitete lange als Gymnasiallehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete.
Werner veröffentlichte insgesamt sieben Romane, darunter «Zündels Abgang» (1984), «Bis bald» (1992) und sein letztes Werk «Am Hang» (2004), das ihn einem breiten Publikum bekannt machte. Seine Bücher behandeln oft existenzielle Themen wie Liebe, Verlust und Vergänglichkeit. Er verstarb 2016 in Schaffhausen.