Eine Frau zu sehen
Eine Frau zu sehen ist wohl die erste grössere Erzählung der legendären Schweizer Schriftstellerin, Journalistin und Forografin und seit den 1980-jahren Ikone der queeren Community, Annemarie Schwarzenbach.
Denise Hasler, aus Solothurn stammende Schauspielerin liest diese Erzählung, musikalisch begleitet wird sie von der Cellistin Anna Jeger.
«Eine Frau zu sehen: nur eine Sekunde lang, nur im kurzen Raum eines Blickes, um sie dann wieder zu verlieren, irgendwo im Dunkel eines Ganges, hinter einer Türe, die ich nicht öffnen darf – Aber eine Frau zu sehen, und im selben Augenblick zu fühlen, dass auch sie mich gesehen hat, dass ihre Augen fragend an mir hängen, als müssten wir uns begegnen auf der Schwelle des Fremden, dieser dunkeln und schwermütigen Grenze des Bewusstseins… Ja, In dieser Sekunde zu fühlen, wie auch sie stockt, beinahe schmerzhaft unterbrochen im Gang der Gedanken, als zögen sich ihre Nerven zusammen, von meinen berührt.»
Weihnachten 1929: Im Fahrstuhl eines Grandhotels in den Schweizer Alpen trifft die junge Erzählerin auf eine geheimnisvolle Frau im weißen Mantel. Ihre Blicke begegnen sich, Sekunden nur, es fällt kein Wort, und doch: Dieser Moment verändert alles, weckt Hoffnungen und Begehren. Inmitten des mondänen Treibens am Winterkurort «M.» wartet die junge Frau auf nur ein Wort, eine Geste der Anderen – um zu guter Letzt alle Warnungen in den Wind zu schlagen und allein ihrem Gefühl zu folgen.
«Eine Frau zu sehen» ist ein Text voller Erotik und Leidenschaft. Annemarie Schwarzenbach, die viel umworbene Millionärstochter in Männerkleidern, schrieb ihn mit nur 21 Jahren. Er wurde zu Lebzeiten nie publiziert, erst 2007 im Schweizerischen Literaturarchiv gefunden, das den Nachlass von Annemarie Schwarzenbach aufbewahrt. Ihr Grossneffe Alexis Schwarzenbach hat den Text aus dem zuerst titellosen Manuskript editiert. Der Verlag Kein & Aber hat ihn 2008 als Buch veröffentlicht.
Annemarie Schwarzenbach
*23. Mai 1908 inn Zürich, † 15.11.1942 in Sils/Engadin, Schriftstellerin, Reisejournalistin und Fotografin, ist eine der faszinierendsten und speziellsten Persönlichkeiten, die die Schweizer Literatur hervorgebracht hat.
In eine reiche Fabrikantenfamilie hineingeboren begab sie sich nach ihrem Studium und der Publikation ihres ersten Romans «Freunde um Bernhard», einer gewissen Ruhelosigkeit folgend, immer wieder auf Reisen und machte sich einen Namen als Reisejournalistin und – fotografin. Gerade ihre Landschafts- und Naturbeschreibungen zeigen eine grosse stilistische Begabung. Ihr unkonventioneller Lebenstil, ihre offen gelebten sexuellen Neigungen, ihre antifaschistische Haltung, dazu eine Morphinsucht, die sie ein Leben lang begleitete, brachte sie immer wieder in Konflikt mit ihrer bürgerlich geprägten, z.T. nazifreundlichen Familie.
Ihr früher Tod 1942 im Engadin wurde vermutlich durch eine falsche medizinische Diagnose nach einem Sturz mit dem Fahrrad verursacht.
Zu Lebzeiten wurden, neben den Reisereportagen in diversen Zeitungen, einigen Reisehandbüchern und eine Biografie über den verunglückten Schweizer Bergsteiger Lorenz Saladin nur drei ihrer literarischen Texte publiziert: 1931 «Freunde um Bernhard», 1933 «Lyrische Novelle» und 1939 «Das glückliche Tal». Erst mit ihrer Wiederentdeckung im Rahmen der feministischen
Bewegung ab etwa 1980 wurden die meisten ihrer Manuskripte neu aufgelegt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.