Nebelgischt - 2.4.27
Markus Manfred Jung, dessen Buch «Nebelgischt» den Abschluss der diesjährigen Lesereise bildet, kann man durchaus als familiär literarisch «vorbelastet» bezeichnen. Schon sein Vater Gerhard Jung war ein bekannter alemannischer Schriftsteller. Geboren im Wiesental, in der Nachbarschaft von Basel lebend, schreibt er Gedichte und Prosatexte in hochdeutscher Sprache und in alemannischer Mundart, die über den alemannischen Sprachkreis eine grosse Verbreitung gefunden haben.
Andreas Berger, aus Waldshut-Tiengen/Südbaden stammend, liest aus diesem in alemannischem Dialekt geschriebenen Tagebuch, das eine Wanderung vom Wiesental durch die Schweiz bis nach Norditalien beschreibt. Begleitet wird er von der Musikerin Monika Zuber, die sich in den letzten Jahren intensiv dem Alphorn gewidmet hat.
«Fritrig, 3.8.18
4h45 uuse, im alte Lehrerrhythmus no. Kaffı, Zittig, letschti mails. Pack de Rescht. Am Sechsi d BB gweckt. Am 6h40 uf em Weg. DB erinnret mi no an Stecke. T nimm dä, won i vo de Laura kriegt ha. Ganz liebe Abschid. In mer din bin i scho unterwegs. D Klara un de Manfred hocken uf em Bänkli, stuune, d Gerhild Iuegt zum Fenschter us. Allı mit de beschte Wünsch.(…) In d Holl abe, scho 24°C. Äne uffe…Vor de Holl hät mi e Rotschwänzli begleitet, jetz e Buntschpecht un e Eichhörnli mit wiißem Buuch… Hohenegg, Holl, Gresgen. D Sunne chunnt. Schöne Weg. Won i us em Wald chumm, e herrliche Blick uf Eichholz, Basel, Schopfe, Wiechs, Hohe Flum, in Jura dure. Un dört stoht er, de Belche, Bölche, un nebedra d Bölchefluh. Zwüscheziil…Adelsberg»
«Nebelgischt» entstand in den drei Wochen einer Wanderung vom heimischen Wiesental durch die Schweiz an den Lago Mergozzo in Norditalien, ein Vorhaben, das sich der Autor nach seiner Pensionierung als Gymnasiallehrer bzw. als Beginn eines neuen Lebensabschnittes gönnte. Minutiös beschreibt er darin die Orte, die er durchwandert und die Menschen,
denen er dabei begegnet. Die Tagebucheinträge wechseln sich ab mit essaihaften Überlegungen zu Themen wie Aufbruch, Ankommen, Wagnis u.a. Sind die Tagebucheinträge im alemannischen Dialekt geschrieben, direkt, fast roh und ungefiltert erscheinend, so sind diese Gedanken in Hochdeutsch gestaltetet und ausformuliert. Eine spannender und anregender Wechsel der Sprachaggregatzustände, ein Spiegel fast der körperlichen und geistigen Erfahrungen, die eine so ausgedehnte Wanderung ermöglicht.
«Ich war aufgebrochen und hatte mich auf einen Weg ins Unbekannte begeben(…). Eigentlich wäre der Titel „Sonnenglast – Vom Aufbrechen und Ankommen“ passender, denn während fast der gesamten Zeit, in der ich unterwegs war, brannte die Augustsonne vom Himmel. Ein Tag um den anderen stieg das Thermometer über die 30°C Grenze. Lediglich einmal musste ich mich durch Kälte und Nebelgischt den Berg hinauf quälen. Und ähnlich erlebte ich den Alltag meiner langen Berufszeit als Lehrer. Aber die Poesie des Begriffs und das seelisch-körperliche Erfahren solcher Phasen von Nebelgischt, die es zu durchwandern gilt, haben mich an diesem spontan
eingegebenen Titel festhalten lassen.»
Markus Manfred Jung
Geboren am 5. Oktober 1954 in Zell im Wiesental, Sohn des alemannischen Mundartdichters Gerhard Jung und seiner Frau Klara, aufgewachsen in Lörrach, lebt mit seiner Frau, der Malerin Bettina Bohn, in Hohenegg, Kleines Wiesental.
Studium von Germanistik, Skandinavistik, Philosophie und Sport in Freiburg im Breisgau und Oslo, Norwegen. Gymnasiallehrer (bis 2018) und Schriftsteller.
Schreibt Gedichte, Geschichten, Theaterstücke und Hörspiele in alemannischer Mundart und Hochdeutsch. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS), im Internationalen Dialektinstitut Österreich (IDI – Präsident seit 2006) und im Literatur-Forum Südwest, Freiburg sowie in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig. Organisator der Mund-Art Literatur-Werkstatt Schopfheim (seit 1989). Mitbegründer und Lektor des Drey-Verlag, Gutach (1995).
Er erhielt für sein literarisches Werk mehrere Preise. Gedichte von ihm sind übersetzt ins Norwegische, Rumänische, Französische, Italienische und in die romagnolische Mundart.